Skip to content

Die Silberne Halbkugel

Ludwig Teichmann
DNK_Ludwig-Teichmann

Ludwig Teichmann © privat

Würdigung

Ludwig Teichmann ist seit fast 50 Jahren ehrenamtlicher Heimat- und Denkmalpfleger, Zeit- und Regionalhistoriker. Ausgezeichnet wird er insbesondere für seine Forschungen, Dokumentationen und die Vermittlungsarbeit zur Zeitgeschichte in der Senne, einer Landschaft in Ostwestfalen-Lippe. Diese Heidelandschaft wird zur Hälfte von einem Truppenübungsplatz eingenommen, dessen Anfänge in die 1880er Jahre zurückreichen.
Im 1. Weltkrieg entstanden Kriegsgefangenenlager. Bei der Erweiterung der 1930er Jahre wurden Siedlungen zerstört und 1 300 Bewohnende zwangsumgesiedelt. Von den ab 1941 über 200 000 im Stammlager 326 VI K inhaftierten überwiegend sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter starben bis zu 65 000.
Das Stalag war eines der größten Verteilzentren für Zwangsarbeiter.
Nach dem zweiten Weltkrieg ging der Truppenübungsplatz an die britischen Streitkräfte über. Die Senne wurde und ist also auch eine historische Kulturlandschaft des Militärs, des Krieges, der NS-Schreckensherrschaft und des Kalten Krieges. Die Erforschung unbequemer Denkmale oder Erinnerungsorte ist für Profis, erst recht aber für bürgerschaftlich Engagierte herausfordernd: Recherche und Interpretation der materiellen und schriftlichen Quellen sind komplex. Es geht vielfach doch um Schmerz und Trauer, Schuld und Beschweigen, Opfersituationen und Täterrollen von Menschen, die selbst oder deren Nachkommen noch leben.
1990 begann Teichmann ein – schließlich nach 18 Jahren abgeschlossenes – Langzeitprojekt mit Zeitzeugeninterviews zur Zwangsumsiedlung der Bewohnenden von Dörfern, deren Siedlungs- und Flurflächen in den 1930er Jahren dem Truppenübungsplatz einverleibt worden waren.
Als 2015 auf der Fläche des ehemaligen Stammlagers 326 (VI K) Unterkünfte für Geflüchtete gebaut werden sollten, hatte die staatliche Bodendenkmalpflege keine Möglichkeit, eine Rettungsgrabung durchzuführen. Noch war die Fläche kein Bodendenkmal. Ludwig Teichmann ergriff die Initiative und überzeugte die Auftraggeber, das abgeschobene und ausgehobene Erdreich nach Funden durchsuchen zu dürfen. Der Ertrag an Funden war beeindruckend. Diese wurden nicht nur erforscht und gesichert, sondern das gesamte Areal des Lagers wurde 2017 als Bodendenkmal unter Schutz gestellt. Es folgte 2019 eine umfängliche und ertragreiche Grabung im ehemaligen Hauptlager. Ohne die beherzte und kräftezehrende Aktivität von Ludwig Teichmann wären die verschiedenen Akteure wohl kaum so sensibilisiert worden für den hohen dokumentarischen Wert dieses Bodendenkmals der Neuzeit.
Vorbildlich hat Ludwig Teichmann neben dem Forschen und Publizieren beständig mit den zuständigen Behörden zusammengearbeitet und sein Wissen sowie seine Methodik mit anderen Heimatforschenden, mit Studierenden oder örtlichen Archiven geteilt. Daneben kümmerten sich Ludwig Teichmann und andere Engagierte aus der Bürgerschaft um die Vermittlung der speziellen historischen Kulturlandschaft der Senne und ihrer ländlichen Baukultur. In einem „Heimathäuser“ genannten Projekt wurden translozierte Bauernhäuser zu einem Dokumentations- und Vermittlungsort der für die Senne spezifischen Landwirtschafts- und Sozialgeschichte eingerichtet und seither betrieben.
Ludwig Teichmann arbeitet mit der Methode der Mikrogeschichte. Das genau betrachtete historische Detail wird genutzt, um Aussagen über Geschichte in größeren Zusammenhängen treffen zu können. Wie stark in der Senne eine spezifische Agrar- und Siedlungslandschaft von den Kriegen, vom Nationalsozialismus, von den großen Vertreibungen, vom Kalten Krieg und seinem Ende im langen 20. Jahrhundert und ihren Folgen bis heute so stark geprägt wird, hat Ludwig Teichmann beeindruckend dokumentiert und vermittelt.
Für diesen Fleiß, diese Beharrlichkeit, Methodenkompetenz und diese Zivilcourage gebührt ihm die Verleihung der Silbernen Halbkugel.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Selbstdarstellung

Ludwig Teichmann, 1955 in der Senne geboren und dort aufgewachsen, widmete sich seit frühester Kindheit seiner Heimat. Er veröffentlichte mehrere Bücher und Fachbeiträge zur Historischen Kulturlandschaft der Senne, hält Vorträge und ist in der Denkmalpflege, Archäologie, der Zeitgeschichte, im Naturschutz sowie in der Heimatforschung aktiv.
Seit 1978 war Teichmann Vorstandsmitglied sowie jahrzehntelang stellvertretender Vorsitzender des Heimatvereins Schloß Holte-Stukenbrock und zugleich Ortsheimatpfleger. Er begleitete die Erstellung der örtlichen Denkmalliste, prüfte denkmalrelevante Objekte und organisierte historische Ausstellungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit lag auf der Erforschung der Geschichte der Senne. Zwischen 1990 und 2008 führte er rund 150 Zeitzeugeninterviews, aus denen das Buch „Vom Leben in der Senne“ entstand als Dokumentation mündlicher Überlieferung insbesondere zur Zerstörung ganzer Dörfer und Umsiedlung der Bewohnenden infolge der Erweiterung des Truppenübungsplatzes in der NS-Zeit. Weitere Publikationen, Ausstellungen und die Mitgestaltung der drei „Heimathäuser“ dokumentieren sein Wirken.
Auch überregionale Projekte gehen auf ihn zurück, darunter die Machbarkeitsstudie für einen Gedächtnisweg vom ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag 326-VI K zum Ehrenfriedhof Stukenbrock-Senne. Er rettete tausende Artefakte aus dem Bodenaushub des ehemaligen Lagers und übergab sie der LWL-Archäologie.
Zu seinen weiteren Tätigkeiten gehören die fotografische Sicherung historischer Siedlungen, die Archivierung und Übersetzung alter Schriften, Exkursionen, die Unterstützung benachbarter Heimatvereine sowie Beratungen für die Stadt und den Kreis Gütersloh. Er beteiligte sich an der Dorfkernplanung von Stukenbrock-Senne und war maßgeblich am Zeitzeugenfilm „Stukenbrock-Senne im Fokus von Weltpolitik und Geschichte“ beteiligt.
Sein Engagement gilt stets auch der Vermittlung an kommende Generationen. Er unterstützt Studierende bei Abschlussarbeiten, arbeitet mit Fachwissenschaftlern zusammen und pflegt den Austausch mit dem Westfälischen Heimatbund. So hat Ludwig Teichmann in mehr als vier Jahrzehnten entscheidend dazu beigetragen, die Denkmale, Erinnerung und Natur der Senne zu bewahren und lebendig zu halten.

Die filmische Dokumentation der Zeitzeugeninterviews sehen Sie hier:
www.stukenbrock-senne.de/film