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Karl-Friedrich-Schinkel-Ring,

Prof. Dr. phil. Dipl.-Ing. Jörg Haspel
DNK_Joerg-Haspel

Jörg Haspel © Amtsfotografin Anne Herdin; Landesdenkmalamt Berlin

Würdigung

Wo anfangen, wo aufhören? Und: Muss man Prof. Haspel, einen der wichtigsten geradezu ubiquitären Key Player in der Denkmalpflege in den letzten Jahrzehnten, wirklich noch vorstellen und würdigen?
Grenzen überschreiten – räumlich, disziplinär, institutionell – gehört für
Jörg Haspel nicht zur Ausnahme, sondern zum Selbstverständnis denkmalpflegerischer Praxis. Denkmalpflege hat er stets verstanden als lebendigen, gesellschaftlich wirksamen Dialog zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und diesen Dialog hat er wie kaum ein anderer mitgestaltet – lokal, national und international, mit wissenschaftlicher Brillanz und menschlicher Souveränität.
Sein beruflicher Weg ist ebenso eindrucksvoll wie konsequent: Nach Studien der Architektur, Kunstgeschichte und Empirischen Kulturwissenschaft war Jörg Haspel in Hamburg, dann in Berlin tätig – zunächst als Leiter der praktischen Denkmalpflege, später über zwei Jahrzehnte als Landeskonservator (1995–2018). Dass das Berliner Landesdenkmalamt unter seiner Leitung zu einem Ort wurde, an dem Denkmalpflege mit stadtgesellschaftlicher Relevanz und internationaler Ausstrahlung betrieben wurde, ist seinem strategischen Blick, seiner Dialogfähigkeit und seiner Leidenschaft für die Sache zu verdanken. Haspels Wirken reicht weit über das Hauptamt hinaus. Als Präsident von ICOMOS Deutschland (2012–2021), als Initiator internationaler Komitees, als Vorsitzender des Stiftungsrats der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, als Förderer des architektonischen Erbes der Moderne und Mitbegründer des Initiativkreis zur Nominierung von Werken Erich Mendelsohns für die Liste des UNESCO-Welterbes hat er Netzwerke geschaffen und gepflegt, Brücken gebaut – zwischen Ländern, Generationen, Professionen. Besonders hervorzuheben ist sein Engagement für das „unbequeme“ Erbe, namentlich das sozialistische Kulturerbe Osteuropas – prominentes Beispiel: das Buzludzha-Denkmal in Bulgarien – dissonante Zeugnisse politischer Umbrüche. Für diese Denkmale, oft umstritten und daher gefährdet, hat er geworben – und sie in den Fokus der internationalen Fachöffentlichkeit gerückt.
Haspel ist ein leidenschaftlicher, hocheloquenter Vermittler. Als Honorarprofessor an der TU Berlin hat er Generationen von Studierenden für das Kulturerbe begeistert, Wettbewerbe initiiert, Horizonte geöffnet. Denn er weiß: Wer morgen für die Belange der Denkmalpflege eintreten soll, muss heute dafür intellektuell und emotional gewonnen werden.
Jörg Haspel gibt der Denkmalpflege nicht nur eine Stimme – er verleiht ihr Gewicht. Diplomat und Debattenredner, Wissenschaftler und Pragmatiker, Netzwerker und Ermöglicher: Seine Person vereint Eigenschaften, die selten in solcher Dichte anzutreffen sind. In einer Zeit globaler Herausforderungen – vom Klimawandel bis zur Kriegszerstörung – ist sein Weitblick unentbehrlich. Sein Einsatz für kriegsgefährdete Welterbestätten – aktuell in der Ukraine – zeugt von Verantwortungsübernahme für das baukulturelle Erbe, die keine nationalen Grenzen kennt.
Der Karl-Friedrich-Schinkel-Ring wird Persönlichkeiten verliehen, die die Bau- und Denkmalkultur in besonderer Weise geprägt haben. Mit Jörg Haspel wird ein Denker und Praktiker geehrt, der die Prinzipien Schinkels – die Verbindung von Funktion, Ästhetik und historischen Bezug – in die Gegenwart und sicher auch in die Zukunft geführt hat. Lieber Herr Professor Haspel, wir danken und gratulieren von ganzem Herzen!

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Selbstdarstellung

Jörg Haspel, geb. 1953, legte 1972 in Albstadt das Abitur ab, studierte Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart, Kunstgeschichte und Empirische Kulturwissenschaften an der Universität Tübingen, wo er auch zu einem baugeschichtlichen Thema promoviert wurde.
1982 begann Haspel seine Tätigkeit als Inventarisator beim Denkmalschutzamt der Freien und Hansestadt Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte lagen in der Denkmalerfassung der Vorstädte St. Georg und St. Pauli sowie der maritimen Industriekultur. Gemeinsam mit Ursula Schneider engagierte er sich im Gründungsverein „Museum der Arbeit Hamburg e. V.“ und in der „Arbeitsgruppe Hafenkante“. Neue Wege der Denkmalvermittlung verband er mit Lehraufträgen an der Universität Hamburg. Nachhaltige Ergebnisse dieser Zeit waren das Gattungsinventar Hamburger Hinterhäuser (1987) und die Mitgründung des St. Pauli Archivs.
Nach der Wiedervereinigung übernahm er 1992 in Berlin die Leitung des Fachbereichs Praktische Denkmalpflege. 1995 wurde er Landeskonservator und leitete das neue Landesdenkmalamt. Unter seiner Verantwortung wurden die Denkmallisten West- und Ost-Berlins zusammengeführt, zahlreiche Bauzeugnisse insbesondere des NS, der Zeit der Teilung und der Nachkriegsmoderne gesichert und bewahrt. Trotz einzelner Verluste wie der Großgaststätte „Ahornblatt“ ist der Erhalt vieler schwieriger Denkmale eine Erfolgsgeschichte.
Haspel profilierte Berlin als „Werkstatt der Einheit“, als Industriestadt von Weltgeltung und als Zentrum der Moderne. Einschreibungen in die UNESCO-Welterbeliste – darunter Schlösser und Gärten in Potsdam und Berlin (1990–1999), die Museumsinsel (1999) und die Siedlungen der Moderne (2008) – verschafften dem Berliner Erbe internationale Anerkennung. Seit 2002 lehrt er als Honorarprofessor für „Denkmalkunde unter besonderer Berücksichtigung von Berlin“ an der TU Berlin.
Er war in zahlreichen Gremien aktiv, etwa in der Historischen Kommission zu Berlin, der DEHIO-Vereinigung oder der Arbeitsgruppe des Deutschen Städtetags. Mit den „Denkmaldialogen“ initiierte er einen europäischen Fachaustausch im Rahmen der Berliner Städtepartnerschaften. Überregional wirkte er ab 2000 im Gründerkreis der „Initiative Architektur und Baukultur“, später im Vorstand und Beirat der Bundesstiftung Baukultur. Als Co-Vorsitzender der Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz beim Bundesbauministerium setzte er sich für eine bestandsorientierte Erneuerungspolitik ein. Sein Anliegen war stets die Vermittlung zwischen erhaltenden und erneuernden Disziplinen.
Seit den 1980er-Jahren ist Haspel im Internationalen Denkmalrat ICOMOS engagiert, 2009–2012 als Präsident des Deutschen Nationalkomitees. Er wirkte in Projekten wie dem „White City Center“ in Tel Aviv und unterstützt bis heute das „Buzluduzha Project“ in Bulgarien. Nach seiner Pensionierung 2018 brachte er seine Netzwerke in neue europäische Initiativen ein, darunter die „Dissonant Heritage Action Group“ der EU und das „Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine“.
Parallel engagierte er sich seit 1995 in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, deren Stiftungsrat er seit 2014 leitet.
2023 widmete ihm das Landesdenkmalamt Berlin die Festschrift Das Denkmal als Chance. Sein Ansatz ist geprägt von partizipativer und pluralistischer Denkmalpflege, die Eigentümer und Zivilgesellschaft aktiv einbezieht. Er ist Ehrenmitglied im Bund Deutscher Architekten und Träger der Goldenen UNESCO-Ehrennadel (2019).