Medienpreis
Stephan Heise © Stephan Heise
Würdigung
Was bedeutet es für eine Region, wenn mit dem Ende der Kohleförderung auch ihre Lebensgrundlage verschwindet – und welche Rolle spielt dabei der Denkmalschutz?
Dem Filmemacher Stephan Heise und seinem Team vom MDR gelingt mit der Dokumentation „Zukunft ohne Kohle – Die Brikettfabrik Knappenrode“ aus der renommierten Reihe „Der Osten – Entdecke, wo Du lebst“ höchst eindrucksvoll zu zeigen, was die alte Baulandschaft in der Lausitz mit dem Leben und den Erinnerungen ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zu tun hat.
Hauptfigur der Dokumentation ist die imposante Riesenanlage der Brikettfabrik Knappenrode bei Hoyerswerda. Als eine der wenigen Brikettfabriken der Region ist die Anlage aus dem Jahr 1918 nach dem Ende der Produktion 1993 in großen Teilen stehen geblieben und mit ihren einmaligen technischen Anlagen unter Denkmalschutz gestellt worden. Die Helden der einfühlsamen und genau hinsehenden Dokumentation sind die Menschen, die uns Heise nahebringt – jene, die mit ihrem Engagement zur Rettung der Fabrik beigetragen haben und die heute mit Optimismus und Tatkraft dafür sorgen, dass sie als gebautes Dokument einer ganzen Ära im Museum der Technikgeschichte der Braunkohleregion erlebbar bleibt. Die Dokumenation bringt uns die Menschen nahe, ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erinnern sich, Vater und Tochter Kalbas, der eine einst Schichtleiter, die andere zurückgekehrt und nun Assistentin der Museumsleitung, führen uns voller Sympathie durch den Film. Sie alle erzählen anrührend von der Vergangenheit, vom Augenblick, als das Herz der Fabrik 1993 buchstäblich stehen blieb, als die Arbeitslosigkeit drohte, bis hin zu jungen Leuten, die die gigantische Hightech-Anlage aus dem frühen 20. Jahrhundert zu einem Erlebnisort des 21. Jahrhunderts verwandeln. Wenn es keine Kohlebriketts mehr sein sollen, dann eben ein Techno-Festival.
In der Dokumentation von Stephan Heise und seinem Team stimmt alles: von der glänzenden Kameraarbeit über Schnitt und Vertonung bis zu den sensibel geführten Interviews und der durchdachten Dramaturgie. Heise lässt nichts aus, die Siedlung Knappenrode unweit der Fabrik findet ebenso Beachtung, wie die ehemals sozialistische Vorzeigestadt Hoyerswerda, die einen Großteil ihrer Bewohner verloren hat.
Die Dokumentation erschien in der Reihe „Der Osten – Entdecke, wo Du lebst“. Wir möchten diesen Titel erweitern: Entdecke, wie denkmalgeschützte Bauwerke den Menschen Identität und Heimat geben. Für seine herausragende Arbeit erhält Stephan Heise den Medienpreis des Deutschen Preises für Denkmalschutz 2025.
Selbstdarstellung
Stephan Heise ist seit fast drei Jahrzehnten als Journalist und Regisseur unterwegs, stets mit der Neugier, hinter Fassaden zu blicken und Geschichten zu entdecken, die Menschen bewegen. Sein beruflicher Weg begann 1985 im DDR-Fernsehen: zunächst als Dekorateur und Aufnahmeleiter, bis er den Drang verspürte, selbst zu gestalten. Mit der Gründung des MDR in den 1990er-Jahren eröffnete sich für ihn ein kreatives Feld voller Möglichkeiten. Zuerst drehte er Beiträge für die Wissenschaftsredaktion, ehe er entdeckte, dass auch unterhaltsame Formate seine Leidenschaft wecken.
Besonders bereichernd war für ihn die Zusammenarbeit mit bekannten Moderatoren: Mit Sven Voss reiste er nach Moskau, wo Kosmonaut Sigmund Jähn durch das berühmte Sternenstädtchen führte. Mit Jürgen von der Lippe tauchte er auf der Wartburg in die Geheimnisse der deutschen Sprache ein. In Dokumentationen war er Wölfen in Sachsen und Rumänien auf der Spur, entwickelte neue Sendeformate und probierte sich in ganz unterschiedlichen Genres aus.
Eines war ihm dabei stets wichtig: sich nicht in Schubladen stecken zu lassen. Ob Wissenschaft, Unterhaltung oder Naturdoku – jedes Thema entfaltet seinen Reiz, wenn es mit Leidenschaft erzählt wird. Darin liegt für ihn die Magie des Filmemachens: Menschen für Geschichten zu begeistern, die sie vielleicht noch nicht kannten, die aber eine Brücke schlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Information und Emotion.
Dieses Projekt führte ihn und sein Team in die traditionsreiche Brikettfabrik von Knappenrode – einen Ort, der weit mehr ist als nur ein historisches Bauwerk. Die Mauern dieser Fabrik erzählen von harter Arbeit und Gemeinschaft, von den Lebensgeschichten ganzer Generationen. Zu erleben, wie tief dieses Industriedenkmal bis heute das Leben der Menschen in Knappenrode und Umgebung prägt, war für ihn und sein Team eine faszinierende filmische Reise.
Die Arbeit dort hat ihm erneut gezeigt, wie wertvoll es ist, Geschichte lebendig zu machen. Diese Leidenschaft treibt Stephan Heise bis heute an. Und so ist die Auszeichnung nicht allein Ehre und Bestätigung, sondern auch Ansporn, immer wieder neue Wege zu gehen.
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